Warum essen wir eigentlich?

Ich stelle mir heute die Frage aller Fragen: Warum essen wir?  Und damit bin ich nicht auf der Suche nach der Antwort: „… weil wir sonst verhungern“, sondern möchte viel mehr hinterfragen, woher unsere individuelle Einstellung zu Nahrung kommt und welche Aspekte unser Verhalten zu Essen beeinflussen. Außerdem will ich euch ein paar Tipps liefern die für mehr Bewusstsein im Umgang mit Essen sorgen. Man glaubt gar nicht wie sehr unser Essverhalten von externen Dingen beeinflusst ist und wie wenig Bedeutung wir dem Akt des Essens eigentlich schenken. Weiterlesen lohnt sich also …

Also, ganz allgemein unterscheiden wir zwischen inneren Signalen und äußeren Reizen.

Als Kinder können wir noch auf unsere inneren Signale hören und machen uns schreiend bemerkbar wenn wir hungrig oder eben satt sind. Je älter wir werden umso mehr spielen auch äußere Reize eine Rolle wenn es um unser Essverhalten geht. Das Angebot und die Verfügbarkeit von Lebensmitteln, der Einfluss unserer Eltern, Werbung, unsere Ideale, gewisse Lebenseinstellungen oder auch unser soziales und kulturelles Umfeld beeinflussen uns zunehmend. Heutzutage mehr denn je. Computer, Tablet und Fernseher prägen uns schon von klein auf. Unser Essverhalten wird also bereits recht früh von Vorurteilen geprägt.

Hunger oder Appetit?

Ist man getrieben von dem inneren Signal des Hungers, braucht der Körper Nahrung um rund zu laufen. Dementsprechend machen wir uns auf Nahrungssuche, es wird gegessen um das Grummeln in der Magengegend abzustellen. Dabei ist es uns grundsätzlich ziemlich egal was genau gegessen wird. Hat man allerdings Appetit sieht die Sache schon ganz anders aus und wir sind den äußeren Reizen ausgeliefert. Appetit ist zielgerichtet und unser Körper hat eigentlich nicht wirklich Bedarf an Energie. Packt der Nachbar beispielsweise seinen Grill aus, lässt alleine der Duft von Grillkohle vielen Menschen schon das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sehen wir eine Werbung für Raffaelo uns schwingen uns danach ins Auto um an der Tankstelle besagte Süßigkeiten zu kaufen, hat das auch eher wenig mit Hunger zu tun. Hinzukommt an dieser Stelle noch, dass Nahrungsbestandteile wie Fruchtzucker unseren Appetit auch noch schüren können, uns in einen Kreislauf an Heißhunger Attacken stürzen und sogar das Sättigungsgefühl leise, still und heimlich abschalten.

Weil äußere Reize und der daraus resultierende Appetit nicht schon genug sind, spielt uns auch noch unser Unterbewusstsein einen Streich  Auch der alltägliche Stress, Langeweile, Traurigkeit und unbewusste Gewohnheiten können Einflussfaktoren sein und bestimmen warum wir, wie und wann essen.

Viele von uns nehmen Nahrung zu sich wenn sie im Stress sind. Grundsätzlich war es ja eigentlich mal so, dass unser Blut sich in einer Stresssituation mit der Hilfe von Adrenalin in Richtung Muskeln und Gehirn vertschüsst. Heute ist Stress ein Dauerzustand und kann schonmal das Verlangen nach Speis und Trank auslösen. Vor allem in Frauen führen dauerhaft hohe Stresslevel dazu, dass sie mehr Kalorien zu sich nehmen als sie eigentlich müssten. Erstaunlicherweise wird dann auch eher zu Junk Food gegriffen. Dabei handelt es sich um schnelle Energiequellen und nach diesen verlangt der Körper in einer andauernden Stresssituation. Er kann ja im Grunde nicht ahnen, dass er bei Stress nur ruhig am Bürosessel sitzen bleibt und nicht wie noch vor einigen hundert Jahren direkt losrennt um die Flucht zu ergreifen um besagte Energie zu verbrauchen.

Das mit der Langeweile ist auch so eine Sache. Wie oft geben Eltern ihren Kindern etwas zu essen damit sie beschäftigt sind? Eben diese Kinder wandern im Erwachsenenalter dann schonmal durch die Wohnung bis sie schließlich mit einem großen Fragezeichen vor dem Kühlschrank stehen und sich mit Essen beschäftigen wollen. Wir alle haben das schon in irgendeiner Form erlebt. Gleiches gilt im Übrigen auch für das Trostzuckerl welches wir schon in Kindestagen bekommen wenn wir traurig sind. So schnell kann man dann gar nicht schauen und die Botschaft „Essen tröstet“ ist in uns verankert. Hier habe ich mal zwei Expertinnen zu diesem Thema befragt. Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Glaubenssätze die in unserem Unterbewusstsein stecken und uns in unserem Tun beeinflussen.

Mit der Gewohnheit ist das ähnlich. Ich bin beispielsweise ein absoluter Schnellesser. Nicht unbedingt die eleganteste Eigenschaft. Wenn ich nicht darauf achte und mich hungrig an den Tisch setze, vielleicht nebenbei noch etwas anderes mache, ist mein Essen so schnell weg, dass ich manchmal selbst erstaunt darüber bin. Warum ich dieser Gewohnheit verfallen bin, kann ich euch auch sagen. Meine Oma hat oft mit mir um die Wette gegessen als ich ein Kind war. Gewohnheiten wie das schnelle Essen oder das Essen aus Langeweile kann man aber glücklicherweise auch wieder loswerden. Es erfordert allerdings etwas Durchhaltevermögen und vor allem Achtsamkeit.

Nehmen wir uns bewusst Zeit um zu essen, bleiben aufmerksam und versuchen nicht 5 Dinge gleichzeitig zu jonglieren, tut das über kurz oder lang unserer Gesundheit gut und steigert das Wohlbefinden. Wir kauen dann beispielsweise viel besser und länger, was unsere Verdauung uns ewig dankt. Außerdem nehmen wir den Geschmack des Essens ganz anders wahr und lernen wieder zu genießen. Um mehr Achtsamkeit in das eigene Leben zu bringen, reichen schon Kleinigkeiten. Diesen Artikel zu lesen kann schon ausreichen um sich selbst in manchen Beschreibungen hier wieder zu finden und bei der nächsten Mahlzeit bewusst etwas zu verändern.

Die Sache mit dem Bewusstsein

Im Laufe unseres Lebens beeinflussen uns nicht nur die unterschiedlichsten Faktoren, wir verlernen oftmals auch uns auf unsere eigenen 5 Sinne zu verlassen. Fühlen, riechen, hören, schmecken und sehen – diese sind alle essentiell für den maximalen Genuss. Beschäftigen wir uns mehr damit bewusster und mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, lernen wir auch wieder einen ganz neuen Umgang mit Essen. Wir lernen beispielsweise wieder auf unser Hungergefühl zu hören, nehmen wahr wie wir uns nach dem Essen fühlen und es fällt uns leichter wirklich nahrhafte und gesunde Entscheidungen für uns zu treffen die uns dauerhaft zufriedenstellen und nicht nur einen schnellen Kick verschaffen. Außerdem lernen wir durch mehr Achtsamkeit die Zusammenhänge unserer Gefühle, Gedanken und unseres Handelns sowie unserer Reaktionen besser zu verstehen. So nehmen wir bewusster wahr wenn wir aus Langeweile oder Stress heraus zu Nahrung greifen. Und hier setzt auch as Thema Diät ein. Ernährung ist für mich verbunden mit Wohlbefinden und Gesundheit. Und auch im Bereich des bewussten Essens wird Nahrung als Verbündeter betrachtet. Im Rahmen einer Diät wird Nahrung viel eher als Feind angesehen, was zu einem kontinuierlichen Hin und Her zwischen unserer Willenskraft und der Versuchung führt. Es gibt übrigens auch Studien die aufzeigen, dass jede Form der Ernährungsumstellung besser funktioniert wenn die Probanden gleichzeitig mehr Achtsamkeit in ihr Leben bringen.

Ich finde es wichtig sich bewusst zu machen, dass eine gesunde Ernährungsweise einerseits auf frischen, echten und nährstoffreichen Lebensmitteln basiert. Ebenso ist eigenes Interesse zu den Lebensmittel erforderlich und ein bisschen Hintergrundwissen zu Nahrung kann auch nicht schaden. Weiß ich nämlich einmal was Zucker mit mir macht oder bin mir der Wichtigkeit eines stabilen Blutzuckerspiegels bewusst, verstehe ich meine Heißhungerattacken oder Nachmittagstiefs viel besser und kann gezielt etwas dagegen tun. Andererseits spielen Gewohnheiten, verinnerlichte Glaubensüberzeugungen wie „Essen tröstet“ sowie das Unterbewusstsein eine richtig große Rolle.

Ich will euch heute ein paar Tipps mitgeben die für mehr Bewusstsein im Umgang mit Essen sorgen sollen und  vielleicht sogar dabei helfen eigene Verhaltensmuster besser zu verstehen.

  1. Wenn wir das Verlangen verspüren etwas zu essen, sollten wir uns zuerst die Frage „Warum?“ stellen. Ist es Hunger der dahinter steckt? Oder stecken vielleicht doch eher Langeweile, Ablenkung, Stress, Traurigkeit dahinter? Ertappen wir uns dabei beispielsweise aus Langeweile zum Kühlschrank zu maschieren, können wir uns überlegen was außer Essen diese Langeweile noch befriedigen würde.
  1. Wenn wir unsere Mahlzeit zubereiten, die Zutaten dafür einkaufen und sie schließlich auch konsumieren, können wir unsere Achtsamkeit insofern trainieren indem wir uns die folgenden Fragen stellen: Woher kommen die Zutaten? Welchen Weg haben sie zurückgelegt um zu mir zu kommen? Welche Nährstoffe liefert mir die Mahlzeit? Inwieweit tut mir die Mahlzeit gut? Außerdem sollten wir darauf achten, jeden Bissen gut zu kauen und das Essen in nettem Ambiente zu genießen. Das bedeutet auch, das Essen nett anzurichten.
  1. Eine tolle Möglichkeit um die eigenen Sinne zu schärfen und das Bewusstsein für Nahrung wieder aufzubauen ist eine Blindverkostung. Bei einem der letzte Under the Walnut Tree Events haben wir genau so eine Verkostung mit unseren Teilnehmerinnen durchgeführt und es war richtig spannend.

Man benötigt:

Einen Partner

Ein Tuch um die Augen zu verbinden.

Die nötigen Zutaten zur Verkostung.

Stift und Zettel

 

Snacks Testung 1

Rosinen (süß)

Pistazien gesalzen (salzig)

Apfelessig (sauer)

Kakaonibs (bitter)

Cherry Tomaten(umami)

Ingwer (scharf)

 

Snacks Testung 2

Datteln (süß)

Algenspaghetti (salzig)

Limettensaft (sauer)

Olive (bitter)

Karotten (umami)

Chili (scharf)

 

Bereitet jeweils die Zutaten für Testung 1 und 2 vor und achtet darauf, dass das Gegenüber nicht sieht um was es sich dabei handelt. Entscheidet wer beginnt. Einer Person werden die Augen verbunden und ein Snack nach dem Anderen wird zur Verkostung angeboten. Die hier ausgewählten Snacks decken alle Geschmacksrichtungen ab. Je Snack soll das Gegenüber ganz bewusst verkosten und dafür alle Sinne nutzen.

Stellt der Person mit den verbundenen Augen pro Snack folgende Fragen und notiert sie:

  • Wie fühlt sich der Snack an?
  • Halte den Snack zum Ohr. Gibt er Geräusche von sich?
  • Wie riecht der Snack?
  • Dann erst kommt der Snack in den Mund und noch bevor man drauf beißt wird zuerst die Konsistenz begutachtet. Was tut sich im Mund? Wird der Speichelfluss stärker? Und was passiert schlussendlich wenn man drauf beißt? Welche Geschmacksrichtung hat das Ganze?
  • Zuletzt wird die Frage aller Fragen gestellt: Was ist es?
  • Bevor man als Tester in diesem Fall antwortet, soll das Gegenüber die Augenbinde abnehmen und sich selbst überzeugen um so auch den letzten Sinn „sehen“ zu involvieren.

Man wird erstaunt sein, was so eine simple Blindverkostung für einen Effekt hat und wie spannend es sein kann sich wieder bewusst mit der Nahrung auseinanderzusetzen.

 

Bildquelle: Belinda Probst für Under the Walnut Tree

 

Das könnte dir auch gefallen

Keine Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

Melde dich für den Individualisten Newsletter an!